Zukunft nach 20 Jahren

Hatte ich doch gestern die Gelegenheit, mit jungen Menschen (meist Männern) zwischen 19 und 25 Jahren einen Unterrichtstag zum Thema Zukunft zu gestalten. Meine Erwartungen waren durch die Erfahrungen der letzten Jahre schon recht gedämpft: fehlende Abschlüsse, keine Ausbildung, Eltern, die auch schon seit Jahren von Hartz IV leben sind keine gute Ausgangsbasis für Zukunftsträume. Gleichwohl konnte ich wieder erleben, wie der größere Teil der Jugendlichen die eigene Zukunft sieht: Ist mir doch egal. Hab sowieso keine Chance. Der Staat (…) ist dran Schuld. Ich will nur meine Ruhe haben. Hauptsache ich krieg die Kohle vom Staat (ich brauch ja keine Steuer zu zahlen, da gibt es genügend andere Dumme dafür)…

Klar, dass auch mich so eine Haltung irgendwann einfach nur wütend macht: Ich bin einer der Dummen, die noch Steuern zahlen. Und ich habe noch soviel Idealismus, dass ich mich vorbereite und den Jugendlichen ein Angebot unterbreite. – Ins Gespräch zu kommen über Lebensplanung, Träume, Hindernisse, Unterstützungsmöglichkeiten…

Am Vormittag stand ein kleiner Team-Parcours auf dem Programm (was soll denn das für‘ n Scheiß sein, sind wir hier im Kindergarten?) Von Team war nicht viel zu spüren. Jeder sieht zu, wie er die Aufgabe irgendwie abarbeitet. Manchmal gibt es einen Macker, der sagt, wo‘ s langgeht. Aber es fehlt der Ehrgeiz, der Spaß, miteinander zu arbeiten, eine Aufgabe zu bewältigen. Es fehlt letzten Endes auch hier die Motivation: Wozu soll ich mich denn anstrengen? Mein Geld krieg ich auch so. Und so ist dieser Parcours für mich tatsächlich ein ziemlich passendes Abbild der Situation: Wenn ich keine Ziele, keine Wünsche oder Visionen habe, mache ich mich auch nicht auf den Weg – denn wohin soll ich denn gehn?

Es stimmt, diese Einstellung frustriert mich, macht mich wütend und ich frage mich, warum soll ich mir so eine Aktion nochmal antun? Andererseits stimme ich den Jugendlichen auch zu, wenn sie fragen, wo soll denn die Perspektive herkommen? Sie haben keine Vorbilder in ihren Eltern, letztendlich auch nicht bei unseren Regierenden. Wo bleibt da die Phantasie? Wo bleiben die Angebote an solche Jugendlichen? An der Stelle kann ich den Jugendlichen nicht viel anbieten. Ein weiteres Projekt? Ins Ausland gehn? Und wer schafft das schon von den vor mir Sitzenden… Bemerkungen werden laut: den Reichstag in die Luft sprengen. Dann selbst die Frage: aber was bringt’s?

Von einer Erhöhung von Hartz IV wurde nicht gesprochen. Naja, man kommt mit dem Geld zumeist aus. Aber die Aussichtslosigkeit lähmt. Und insofern ist meine Wut an der Stelle schlecht aufgehoben. Ich bin mir sicher, die Jugendlichen werden morgen keinen Tag der Wiedervereinigung feiern. Sie haben nicht den Vergleich der Älteren. Und mal ehrlich, mit Hartz IV in der Tasche schmecken die Freiheiten doch etwas schal. Wollen wir also einen mittlerweile so großen und wichtigen Teil von Menschen wieder in unsere Gesellschaft hineinholen, müssen wir uns die nächsten 20 Jahre nochmal mächtig anstrengen. Immer neue Projekte mit Heeren von Sozialarbeitern können bestenfalls helfen, die zugefügten Schmerzen zu lindern. Heilen sieht anders aus.

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