Standpunkt, auch wenn´s schmerzt

Gerade aus dem Kino nach Hause gekommen: Dok-Film „Joschka und Herr Fischer“, ein spannender Film, auch wenn man weder Fan von Joschka Fischer, noch Grünen-Wähler ist. Es war ein Rundgang durch deutsche Geschichte voll Authentizität und Selbstkritik, mit Humor und analytischem Blick. Auch wenn ich seinerzeit wie viele andere die Entscheidungen des Außenministers nicht so gesehen habe, so fasziniert mich doch der Mensch und Politiker Fischer, der – wissend, dass er sich seine Partei zum Gegner macht –  trotzdem zu seinen (gewachsenen) Überzeugungen steht und nicht dem Druck der unmittelbaren Interessenlage nachgibt. Solch Rückgrat wünsche ich mir gegenwärtig von Politikern. Für eine Überzeugung einstehen, sie glühend vertreten, die Konsequenzen tragen, die vielleicht auch heißen können, nicht mehr geliebt und bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden. Hier ist Joschka Fischer eben auch in der Tradition seiner Partei angetreten: Streit mit den eigenen Leuten um die richtige Entscheidung wird nicht als schädlich angesehen (die ständige Beschwörung der Geschlossenheit fehlt bei den Grünen), sondern Streit wird – wie im echten Leben auch – als ein produktiver Prozess angesehen, wenn er denn mit einer gewissen Streitkultur und dem Willen nach einem guten Ergebnis geführt wird. Das ist eine Tugend, die ich nicht nur im politischen Prozess zumeist vermisse. Und dass die Umstände es nicht leicht machen, sich zu streiten, authentisch aufzutreten, sich engagiert für seine Erkenntnis einzusetzen, ist keine Entschuldigung dafür, es nicht zu versuchen – in Politik, in Kirche, in Gesellschaft und im privaten Umfeld gleichermaßen.