Konsumlaunisches

„Die Konsumlaune der Deutschen ist zum zweiten Mal innerhalb der letzten zwei Monate gesunken.“ Beherrschendes Nachrichtenthema heute. Muss ja was dran sein. Zunächst unterstreicht mein Rechtschreibprogramm das Wort „Konsumlaune“. Scheint also eine dem Computer noch unbekannte Wortkreation zu sein. Mir widerstrebt allerdings, dem Wörterbuch dies hinzu zu fügen. Was bereitet mir Unbehagen ?

Eine Laune ist erstmal generell was Launisches. Also, es gibt da ein Auf und Ab, das ich schlecht vorausberechnen kann, das abhängig ist von verschiedenen inneren und äußeren Faktoren. Zum Beispiel machen mich permanenter Nieselregen und ein Minus auf dem Konto (als äußere Faktoren) und unangenehme Schmerzen (als innerer Faktor) ziemlich schlechtlaunig. Fällt schon einer der Faktoren weg oder kommt ein positiver dazu (z.B. ein herzhafter Kuss), dann besteht die Möglichkeit, dass sich das Kräfteverhältnis der Launen zugunsten hochgezogener Mundwinkel verändert. Es kann sogar passieren, dass dann der Blick aus dem Fenster das Wohlbehagen im Inneren der 4 Wände noch unterstreicht. Was sagt uns das ? Das mit der Laune und auch mit der „Konsumlaune“ ist nicht ein einfaches „Wenn-dann“, sondern ein höchst sensibles und vor allem sehr individuelles Thema.

Eigentlich habe ich die dramatische Meldung gar nicht so schrecklich gefunden. Was ist dabei, wenn die Deutschen grad mal nicht so viel Lust haben, einkaufen zu gehn ? Vielleicht haben sie was Besseres vor ? Oder sie haben alles eingekauft, was sie im Moment brauchen ? Oder haben sie kein Geld in der Tasche und kaufen deswegen nicht so viel von den Dingen, die sie nicht brauchen ? Denn darum geht es ja im Kern: wir Deutschen (und nicht nur wir) sollen fleißig Dinge anschaffen, die wir bis gerade eben gar nicht brauchten. Aber eine aufdringliche, einschleichende, originelle… Werbung hat uns eingeredet, dass wir gerade dieses Produkt noch zu unserem Glück und einer umfassenden Zufriedenheit brauchen. Dann ist unsere Laune wieder ganz oben (wenigstens kurzfristig). Sowas nennt man unter Umständen „Frustkaufen“ – die Welt ist so böse und schlecht zu mir und ein netter Mensch, der mich mal in den Arm nimmt, ist auch nicht in Reichweite, also kauf ich mir was, denn „kaufen macht so viel Spaß…“ (Herbert Grönemeyer). Auf der anderen Seite kann einem auch der Spaß vergehen, sich durch volle Regale zu quälen – ein Produkt aufdringlicher als das andere – dazwischen das Gesäusel der Kaufhauswerbung, drängelnde vollbeladene Einkaufswagenkaravanen und verstopfte Kassen. Und das Lesen der Inhaltsangaben, der Blick auf die zurückgelegten Transportwege macht es auch nicht besser… Frag ich mich, brauch ich das, was da in meinem Wagen liegt ? Je nach Region, in der ich lebe, habe ich vielleicht ein paar Alternativen. Der Blick auf mein Konsumentengewissen, in mein Portmonnaie und mein grad verfügbares Zeitbudget bilden dann den Rahmen meiner Entscheidungen.

Aber grundlegend frage ich mich (wie auch viele andere), wie das überhaupt gehen soll, die Sache mit dem unbegrenzten Wachstum ?! Denn dafür brauchen wir ja auch den wachsenden Konsum. Schon ein Stillstand auf hohem Niveau ist eine Katastrophe. Eigentlich kann ja kein auch nur durchschnittlich denkender Mensch diesem Missverständnis auf den Leim gehen: Wir müssen nur ordentlich weiter und noch mehr konsumieren, dann wächst unsere Wirtschaft und uns geht es noch besser. Da braucht man sich noch nicht mal vorzustellen, wie das mit dem Wachstum dann weltweit aussehen soll. Bleibt nur noch die Schlussfolgerung, dass alle gegenwärtig in diesen Wachstumskurs vernarrten „Fachleute“ und Politiker lieber die Augen vor der Zukunft verschließen, als auf nur eine profitable Quelle für ihre – oft überdurchschnittliche – Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Hatten die alle eine schlechte Kindheit ? Liebt die keiner (mehr) ?

Mir bleiben angesichts so einer Meldung auch mehr Fragen als Antworten. Nur eins weiß ich: Wenn ich von Konsum höre, krieg ich eher schlechte Laune und tue mir lieber anderweitig mal was Gutes. Wer macht mit ? Tut euch zusammen, unternehmt was Schönes drinnen oder draußen und versetzt die Wachstumsapostel mal in schlechte Laune.

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