Das Ende

Meine Zeit geht zu Ende. Das Jahr geht zu Ende. Meine Geduld geht zu Ende. Mein Geld, meine Kraft, die Beziehung, die Freundschaft, ein Zeitalter, eine Epoche… oder auch ein Krieg, eine Bedrohung oder eine Gefahr gehen zu Ende.

Was bringt es, vom Ende her zu denken ? Kann man dann überhaupt noch was beeinflussen ? Vermiest man sich nicht einfach nur die Stimmung ? Durchaus auch. Aber ich kann auch positive Seiten erkennen. Zunächst die Möglichkeit, am Ende ein Resümee zu ziehen und dann zu sagen, Nein, so will ich es nicht mehr machen. Was man so „Vorsätze“ nennt, meine ich damit nicht. Die sind meist ohne wirkliches Fundament und damit schnell Druck, den man lieber wieder loswerden will. Eine geglückte Veränderung braucht ja zunächst den Blick vom Ende her. Was habe ich gut gemacht ? Wo sind Dinge schiefgelaufen ? Und warum war das so ? Und will ich überhaupt, dass es anders wird, warum ? Es ist eine ganze Reihe von Fragen und Betrachtungen über das, was da gewesen ist. Je ehrlicher, desto größer die Chance der Veränderung. Wenn ich vom Ende her schaue, habe ich schon die Erfahrung des Erfolgs oder des Scheiterns gemacht. Es ist ja auch das berühmte „Perspektiv-wechseln“, das mir eine Voraussetzung für eine Änderung bringt. Wo es geht, auch mit Beteiligung von „Vertrauten“.

Vom Ende her denken heißt auch Abschied (hin-)nehmen. Zum Verabschieden haben wir uns verschiedenste Rituale zugelegt. Sie sind wichtig, damit wir Zeit bekommen, den Verlust – so groß oder klein er auch ist – auch verarbeiten zu können. Das Küsschen beim Verlassen des Hauses, die nicht endenwollende Umarmung vor der großen Reise, das Sitzen, Reden und Schweigen am Kranken- oder Totenbett sind Formen des Abschieds. Manche mögen es auch cooler. Auch da aber Rituale, die über Unsicherheit und Schmerz hinweg helfen.

Vom Ende her denken heißt auch das Unerwartete erwarten, heißt, an mögliche Neuanfänge glauben, heißt, an Erfahrungen anknüpfen, aus Fehlern lernen, Vergebung erfahren, Verzeihen gewähren, geben und nehmen. Das Unerwartete erwarten ist das Brot der Hoffnung. Ohne die ist alles zu Ende. Ohne die Hoffnung mache ich mich nicht mehr auf den Weg, bleibe am Boden liegen. Und zum guten Ende gehört auch der Sinn für die Realität. Ich traue mir das zu, was möglich ist und nicht unbedingt alles, was nötig wäre. Aber soviel, wie ich kann.

Dann geht meine Zeit zu Ende und ich werde sagen, ja, ich würde sie nochmal so füllen. Dann geht meine Geduld zu Ende und ich mache den Break und starte nochmal neu, weil ich mir eine neue Chance geben darf. Dann geht wogmöglich meine Freundschaft zu Ende und ich darf trauern, weil ich weiß, ich bin von Menschen umgeben, die mich tragen können. Solange, bis ich mich wieder aufrappeln kann. Dann geht vielleicht ein Krieg zu Ende und ich kann sagen, ich habe etwas dazu getan, ich habe einem Flüchtling geholfen, ich habe einen Protestbrief geschrieben oder ich habe mich gegen den Hass gewehrt. So gesehen birgt das Ende viele Verheißungen.

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