Weggeworfen

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Sohn. Sechzehn ist er alt. Mit allem, was dazugehört. Er hat seinen eigenen Kopf, weiß meist besser, was er tun sollte und was nicht. Hat hochfliegende Pläne und doch keinen Plan. Und dann macht er eines schönen Tages eine (kleine) Dummheit. Weil andere ihm geraten haben, mal ein bisschen zu lügen, etwas zu beschönigen. Alles klappt. Er hat Erfolg. Bis eines Tages sein kleiner Betrug rauskommt. Zwei Jahre sind seitdem schon vergangen. Und da lassen ihn alle fallen. Du bist ein Betrüger. Du hast es nicht verdient, dass du weiter in unserer Mitte leben darfst.

Klingt ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Eine kleine Dummheit als Jugendlicher. Und dann nicht mal eine zweite Chance? Kein Betrachten des Umfelds? Kein Blick auf die mittlerweile tolle Entwicklung? Sollte es nicht geben. Gibt es aber.

A. kam vor fast zwei Jahren als 13jähriger aus Somalia, Libyen, übers Mittelmeer bis nach Italien. Heilfroh, dass er überlebt hat. Über ein Jahr bleibt er dort. Dann gelingt es ihm, nach Schweden zu kommen. Er hat gehört, dass es dort gut ist. Zwei Jahre später, er ist jetzt 16, hat er sich nach Deutschland auf den Weg gemacht.

Er ist ein sehr kluger Junge. Aber seinen Glauben an das Gute im Menschen hat er so ziemlich verloren. Zu unglaublich, was er unterwegs alles erlebt hat. Er macht sich keine Illusionen mehr. Hat gelernt, seinen Weg selbst zu organisieren. Spricht mit anderen, hört wie sie es machen. Man gibt ihm Tipps. Aber natürlich versteht er von diesem völlig fremden System, diesen Anträgen und Formularen und den notwendigen Angaben herzlich wenig. Wie auch? Bis vor Kurzem lebte er auf dem Land in einer Lehmhütte mit Feuerstelle mit seiner Großfamilie. Dort kannte er sich aus, diese Sprache, die Wege, die Regeln waren ihm vertraut, von Kindesbeinen an. Für die große Welt hat er sich schon immer interessiert. Aber jetzt war alles ganz anders, viel komplizierter und längst nicht so schön, wie alle immer behauptet haben. Für seine Flucht ist viel Geld zusammengetragen worden. Auf ihn kommt es jetzt an. Und er will diese Chance nutzen.

Er stellt seinen Asylantrag und weil andere ihm raten, erzählt er nicht alles, lässt manches aus, verändert ein paar Dinge. Beginnend in Hamburg wandert er durch verschiedene Einrichtungen der Jugendhilfe. Man kümmert sich um ihn. Aber er weiß, wenn er etwas erreichen will, muss er sich anstrengen. Bald geht er in eine Deutschklasse mit anderen jugendlichen Flüchtlingen. Jede Gelegenheit nutzt er zum Lernen. Schaut sich jeden Tag Nachrichten in deutscher Sprache an. Weiß bald mehr über die Politik im fremden Land, als die meisten Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind. Schließlich landet er in einer kleinen Jugend-WG in der Kleinstadt. Weil er sich gut ausdrücken kann, gut informiert ist, neugierig und weiß, was er will, wird er bald zum inoffiziellen Sprecher der Gruppe der somalischen Flüchtlinge. Wenn es etwas zu klären gibt, begibt er sich in die Spur. Als Ramadan ist, hören alle auf ihn, er weiß was zu tun ist, gibt der Gruppe Sicherheit. Oft sitzt er im Büro und spricht mit dem Betreuer über seine Beobachtungen und Überzeugungen, diskutiert über Religion und Demokratie, nutzt jede Gelegenheit, um sein Wissen zu erweitern. Er ist ein selbstbewusster junger Mann geworden. Was unter der Schale steckt, kann man selten erahnen.

Mittlerweile ist es Sommer geworden. Er nutzt auch die Ferien, um sich zu bilden – meist übers Internet per Smartphone unter seiner Bettdecke. Er braucht viel Ruhe und Rückzug, spricht nie wirklich über seine Erlebnisse. Manchmal in Andeutungen. Um sich sicher zu werden, welche Ausbildung er später beginnen möchte, absolviert er auch ein Praktikum. Dann – kurz bevor er zu einem Freund in eine Großstadt fahren möchte – erfährt er vom Vormund, dass sein Asylantrag in allen Punkten abgelehnt wurde. Obwohl er noch minderjährig ist, kann er abgeschoben werden. Man mutmaßt, er sei älter als angegeben. Unterstellt ihm, falsche Angaben gemacht zu haben. Das Jugendamt stellt Eilantrag, reicht Klage gegen den Bescheid ein.

A. nutzt seine Ferienfahrt, um unterzutauchen. Er nimmt sein Leben wieder in die eigenen Hände.

In Deutschland wird im September gewählt. „Wir schaffen das.“ Heute bedeutet das, „wir wollen wieder gewählt werden“. Deshalb wird alles getan, um die Kritiker davon zu überzeugen, dass wir es tatsächlich schaffen – anders als gedacht – so viel wie möglich Flüchtlinge aus dem Land zu schaffen, die Grenzen dicht zu machen und die Geflüchteten den Ankunftsländern am Mittelmeer zu überlassen. Zu diesem Zweck wird die bürokratische Maschinerie immer weiter effektiviert, Fälle werden abgearbeitet und jeder formale Grund wird genutzt, um den Menschen das Asyl zu verweigern. Der einzelne Mensch spielt immer weniger eine Rolle. Alles dient dem Ziel „Wir schaffen das.“ Dafür verzichtet das Land auch auf junge, engagierte, kluge Menschen, die gern arbeiten, lernen, sich auf die Kultur und Lebensweise einlassen wollen. Jeder abgeschobene Flüchtling ist ein Pluspunkt für die Wahl im September.

Für A. bleibt, in der Illegalität zu leben, später vielleicht mit Schwarzarbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist seine Alternative zuBürgerkrieg und Hungersnot. Die Behörden arbeiten weiter. Sein Fall ist abgearbeitet.

Wir gehen wählen. Er hat keine Wahl.

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