Weggeworfen

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Sohn. Sechzehn ist er alt. Mit allem, was dazugehört. Er hat seinen eigenen Kopf, weiß meist besser, was er tun sollte und was nicht. Hat hochfliegende Pläne und doch keinen Plan. Und dann macht er eines schönen Tages eine (kleine) Dummheit. Weil andere ihm geraten haben, mal ein bisschen zu lügen, etwas zu beschönigen. Alles klappt. Er hat Erfolg. Bis eines Tages sein kleiner Betrug rauskommt. Zwei Jahre sind seitdem schon vergangen. Und da lassen ihn alle fallen. Du bist ein Betrüger. Du hast es nicht verdient, dass du weiter in unserer Mitte leben darfst.

Klingt ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Eine kleine Dummheit als Jugendlicher. Und dann nicht mal eine zweite Chance? Kein Betrachten des Umfelds? Kein Blick auf die mittlerweile tolle Entwicklung? Sollte es nicht geben. Gibt es aber.

A. kam vor fast zwei Jahren als 13jähriger aus Somalia, Libyen, übers Mittelmeer bis nach Italien. Heilfroh, dass er überlebt hat. Über ein Jahr bleibt er dort. Dann gelingt es ihm, nach Schweden zu kommen. Er hat gehört, dass es dort gut ist. Zwei Jahre später, er ist jetzt 16, hat er sich nach Deutschland auf den Weg gemacht.

Er ist ein sehr kluger Junge. Aber seinen Glauben an das Gute im Menschen hat er so ziemlich verloren. Zu unglaublich, was er unterwegs alles erlebt hat. Er macht sich keine Illusionen mehr. Hat gelernt, seinen Weg selbst zu organisieren. Spricht mit anderen, hört wie sie es machen. Man gibt ihm Tipps. Aber natürlich versteht er von diesem völlig fremden System, diesen Anträgen und Formularen und den notwendigen Angaben herzlich wenig. Wie auch? Bis vor Kurzem lebte er auf dem Land in einer Lehmhütte mit Feuerstelle mit seiner Großfamilie. Dort kannte er sich aus, diese Sprache, die Wege, die Regeln waren ihm vertraut, von Kindesbeinen an. Für die große Welt hat er sich schon immer interessiert. Aber jetzt war alles ganz anders, viel komplizierter und längst nicht so schön, wie alle immer behauptet haben. Für seine Flucht ist viel Geld zusammengetragen worden. Auf ihn kommt es jetzt an. Und er will diese Chance nutzen.

Er stellt seinen Asylantrag und weil andere ihm raten, erzählt er nicht alles, lässt manches aus, verändert ein paar Dinge. Beginnend in Hamburg wandert er durch verschiedene Einrichtungen der Jugendhilfe. Man kümmert sich um ihn. Aber er weiß, wenn er etwas erreichen will, muss er sich anstrengen. Bald geht er in eine Deutschklasse mit anderen jugendlichen Flüchtlingen. Jede Gelegenheit nutzt er zum Lernen. Schaut sich jeden Tag Nachrichten in deutscher Sprache an. Weiß bald mehr über die Politik im fremden Land, als die meisten Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind. Schließlich landet er in einer kleinen Jugend-WG in der Kleinstadt. Weil er sich gut ausdrücken kann, gut informiert ist, neugierig und weiß, was er will, wird er bald zum inoffiziellen Sprecher der Gruppe der somalischen Flüchtlinge. Wenn es etwas zu klären gibt, begibt er sich in die Spur. Als Ramadan ist, hören alle auf ihn, er weiß was zu tun ist, gibt der Gruppe Sicherheit. Oft sitzt er im Büro und spricht mit dem Betreuer über seine Beobachtungen und Überzeugungen, diskutiert über Religion und Demokratie, nutzt jede Gelegenheit, um sein Wissen zu erweitern. Er ist ein selbstbewusster junger Mann geworden. Was unter der Schale steckt, kann man selten erahnen.

Mittlerweile ist es Sommer geworden. Er nutzt auch die Ferien, um sich zu bilden – meist übers Internet per Smartphone unter seiner Bettdecke. Er braucht viel Ruhe und Rückzug, spricht nie wirklich über seine Erlebnisse. Manchmal in Andeutungen. Um sich sicher zu werden, welche Ausbildung er später beginnen möchte, absolviert er auch ein Praktikum. Dann – kurz bevor er zu einem Freund in eine Großstadt fahren möchte – erfährt er vom Vormund, dass sein Asylantrag in allen Punkten abgelehnt wurde. Obwohl er noch minderjährig ist, kann er abgeschoben werden. Man mutmaßt, er sei älter als angegeben. Unterstellt ihm, falsche Angaben gemacht zu haben. Das Jugendamt stellt Eilantrag, reicht Klage gegen den Bescheid ein.

A. nutzt seine Ferienfahrt, um unterzutauchen. Er nimmt sein Leben wieder in die eigenen Hände.

In Deutschland wird im September gewählt. „Wir schaffen das.“ Heute bedeutet das, „wir wollen wieder gewählt werden“. Deshalb wird alles getan, um die Kritiker davon zu überzeugen, dass wir es tatsächlich schaffen – anders als gedacht – so viel wie möglich Flüchtlinge aus dem Land zu schaffen, die Grenzen dicht zu machen und die Geflüchteten den Ankunftsländern am Mittelmeer zu überlassen. Zu diesem Zweck wird die bürokratische Maschinerie immer weiter effektiviert, Fälle werden abgearbeitet und jeder formale Grund wird genutzt, um den Menschen das Asyl zu verweigern. Der einzelne Mensch spielt immer weniger eine Rolle. Alles dient dem Ziel „Wir schaffen das.“ Dafür verzichtet das Land auch auf junge, engagierte, kluge Menschen, die gern arbeiten, lernen, sich auf die Kultur und Lebensweise einlassen wollen. Jeder abgeschobene Flüchtling ist ein Pluspunkt für die Wahl im September.

Für A. bleibt, in der Illegalität zu leben, später vielleicht mit Schwarzarbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist seine Alternative zuBürgerkrieg und Hungersnot. Die Behörden arbeiten weiter. Sein Fall ist abgearbeitet.

Wir gehen wählen. Er hat keine Wahl.

Konsumlaunisches

„Die Konsumlaune der Deutschen ist zum zweiten Mal innerhalb der letzten zwei Monate gesunken.“ Beherrschendes Nachrichtenthema heute. Muss ja was dran sein. Zunächst unterstreicht mein Rechtschreibprogramm das Wort „Konsumlaune“. Scheint also eine dem Computer noch unbekannte Wortkreation zu sein. Mir widerstrebt allerdings, dem Wörterbuch dies hinzu zu fügen. Was bereitet mir Unbehagen ?

Eine Laune ist erstmal generell was Launisches. Also, es gibt da ein Auf und Ab, das ich schlecht vorausberechnen kann, das abhängig ist von verschiedenen inneren und äußeren Faktoren. Zum Beispiel machen mich permanenter Nieselregen und ein Minus auf dem Konto (als äußere Faktoren) und unangenehme Schmerzen (als innerer Faktor) ziemlich schlechtlaunig. Fällt schon einer der Faktoren weg oder kommt ein positiver dazu (z.B. ein herzhafter Kuss), dann besteht die Möglichkeit, dass sich das Kräfteverhältnis der Launen zugunsten hochgezogener Mundwinkel verändert. Es kann sogar passieren, dass dann der Blick aus dem Fenster das Wohlbehagen im Inneren der 4 Wände noch unterstreicht. Was sagt uns das ? Das mit der Laune und auch mit der „Konsumlaune“ ist nicht ein einfaches „Wenn-dann“, sondern ein höchst sensibles und vor allem sehr individuelles Thema.

Eigentlich habe ich die dramatische Meldung gar nicht so schrecklich gefunden. Was ist dabei, wenn die Deutschen grad mal nicht so viel Lust haben, einkaufen zu gehn ? Vielleicht haben sie was Besseres vor ? Oder sie haben alles eingekauft, was sie im Moment brauchen ? Oder haben sie kein Geld in der Tasche und kaufen deswegen nicht so viel von den Dingen, die sie nicht brauchen ? Denn darum geht es ja im Kern: wir Deutschen (und nicht nur wir) sollen fleißig Dinge anschaffen, die wir bis gerade eben gar nicht brauchten. Aber eine aufdringliche, einschleichende, originelle… Werbung hat uns eingeredet, dass wir gerade dieses Produkt noch zu unserem Glück und einer umfassenden Zufriedenheit brauchen. Dann ist unsere Laune wieder ganz oben (wenigstens kurzfristig). Sowas nennt man unter Umständen „Frustkaufen“ – die Welt ist so böse und schlecht zu mir und ein netter Mensch, der mich mal in den Arm nimmt, ist auch nicht in Reichweite, also kauf ich mir was, denn „kaufen macht so viel Spaß…“ (Herbert Grönemeyer). Auf der anderen Seite kann einem auch der Spaß vergehen, sich durch volle Regale zu quälen – ein Produkt aufdringlicher als das andere – dazwischen das Gesäusel der Kaufhauswerbung, drängelnde vollbeladene Einkaufswagenkaravanen und verstopfte Kassen. Und das Lesen der Inhaltsangaben, der Blick auf die zurückgelegten Transportwege macht es auch nicht besser… Frag ich mich, brauch ich das, was da in meinem Wagen liegt ? Je nach Region, in der ich lebe, habe ich vielleicht ein paar Alternativen. Der Blick auf mein Konsumentengewissen, in mein Portmonnaie und mein grad verfügbares Zeitbudget bilden dann den Rahmen meiner Entscheidungen.

Aber grundlegend frage ich mich (wie auch viele andere), wie das überhaupt gehen soll, die Sache mit dem unbegrenzten Wachstum ?! Denn dafür brauchen wir ja auch den wachsenden Konsum. Schon ein Stillstand auf hohem Niveau ist eine Katastrophe. Eigentlich kann ja kein auch nur durchschnittlich denkender Mensch diesem Missverständnis auf den Leim gehen: Wir müssen nur ordentlich weiter und noch mehr konsumieren, dann wächst unsere Wirtschaft und uns geht es noch besser. Da braucht man sich noch nicht mal vorzustellen, wie das mit dem Wachstum dann weltweit aussehen soll. Bleibt nur noch die Schlussfolgerung, dass alle gegenwärtig in diesen Wachstumskurs vernarrten „Fachleute“ und Politiker lieber die Augen vor der Zukunft verschließen, als auf nur eine profitable Quelle für ihre – oft überdurchschnittliche – Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Hatten die alle eine schlechte Kindheit ? Liebt die keiner (mehr) ?

Mir bleiben angesichts so einer Meldung auch mehr Fragen als Antworten. Nur eins weiß ich: Wenn ich von Konsum höre, krieg ich eher schlechte Laune und tue mir lieber anderweitig mal was Gutes. Wer macht mit ? Tut euch zusammen, unternehmt was Schönes drinnen oder draußen und versetzt die Wachstumsapostel mal in schlechte Laune.

Die Schuldenuhr…

Jede(r) weiß es. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Die Schulden steigen und steigen. Und es passiert nichts. Jedenfalls nichts Grundlegendes. Dabei wäre es so einfach. Eine Vermögenssteuer – mit Augenmaß – wäre wohl größtenteils akzeptiert und wird trotzdem nicht eingeführt.
Hier Infos: http://www.vermoegensteuerjetzt.de/

Zeit haben

Obwohl diese furchtbare Zeit immer näher rückt, wo es nicht mehr zu übersehen ist, dass der Sommer wirklich zu Ende ist, bleibt dies Jahr die Herbst-Depri (noch ?) aus. Es ist alles anders als sonst: Meine Arbeit konnte ich abschließen, mich von allen und allem verabschieden. Kollegen, Freunde, Jugendliche, Bekannte… das Haus mit allem Drumunddaran inklusive ausräumen und ausmisten. Geschafft. Und nun drängt erstmal nichts. Einfach Zeit haben. Einfach ? Nein, einfach ist es nicht. Der Motor läuft immer noch weiter. Irgendwas muss ich doch noch erledigen ? Nachts wachliegen. Angst. Was habe ich noch nicht erledigt ? Schaffe ich das überhaupt alles – „DAS“, was ist das ? Es gehört soviel dazu zum „normalen“ Leben. Du musst arbeiten gehn und Geld verdienen. Du musst dich um deine Familie kümmern (und nicht nur die unmittelbare, denn du hast ja jetzt Zeit). Du musst dich einrichten, alles schön machen. Du musst mal wieder Sport machen, dich bewegen. Und hast solange nicht gemalt. Du musst endlich mal wieder Freunde anrufen. Du musst dich endlich mal intensiver mit der aktuellen Politik beschäftigen, du hast ja Verantwortung als Bürger. Nicht einfach alles hinnehmen, dich informieren, einmischen, eine Kampagne starten. Du musst dir endlich einen Hausarzt suchen, mal zum Zahnarzt gehn, mal eine Kur beantragen – nach all dem Stress und dem kaputten Rücken. Halt ! Was trägst du eigentlich immer noch für Lasten mit dir rum ? Warum kannst du immer noch nicht stehnbleiben, dich ausruhen, fröhlich nichts tun, aufmerksam zum Leben sein ? Ein klein wenig besser wird’s schon, wenn ich aus dem Haus durch die Gärten, am Mühlteich vorbei auf den Berg steige, zwischen den alten Bäumen, den Granitklunkern, an den Steinbruchlöchern entlang, mich hinhocke und die Bewegung des Wassers fotografiere. Einfach so, immer wieder. Die Bewegung festhalte, zur Grafik werden lasse, abstrahiere und – einfach die Zeit festhalte indem ich sie „nutzlos“ verstreichen lasse.

Schatzkästchen

Leg mir ein Kästchen an mit all den Dingen, die hilfreich sind:

… tief durchatmen, nach innen horchen, an den kleinen grünen Kobold denken, sich in den Arm nehmen, trösten, auf Abstand gehen, die Nähe suchen – ein Brücke bauen, denken an den letzten erfolgreichen Streich gegen die festgetretnen Trampelpfade…

Es ist ein Prinzip: nicht im Sumpf versinken, sich bemitleiden, in die Lethargie abtriften, nicht schwarzmalen, sich den alten Mustern überlassen. Sondern die Schätze, die guten Erfahrungen mobilisieren. Die Sammlung der geglückten Veränderungen durchforsten, sich trauen, anstoßen, wachsen lassen, kurz: sich selbst vertrauen. Die Dinge, die so schnell vergessen sind, sichtbar machen, greifbar, in der festgefahrnen, blockierten Situation verfügbar machen.

Jeder hat Schätze in sich schlummern, die ein solches Schatzkästchen füllen würden. Was lässt dich zögern ?

„Einatmen ist das erste, was wir tun, wenn wir auf diese Welt kommen…“

„… ausatmen das letzte, wenn wir uns von ihr verabschieden.“

Diesen weisen Satz hab ich von einem genialen Psychotherapeuten aus Plzen, Standa Kudrle, gehört. Es ging ein ganzes Wochenende um das Atmen. Auf eine besondere Art (ich berichtete ja schon vom „holotropen Atmen“, siehe Tags). Wiedermal ein großer Schritt nach vorn in der Arbeit mit eigenen Themen, über die ich mich aber nicht in aller Öffentlichkeit verbreiten will. So ist es überhaupt schwierig, nach so einem Seminar mit tiefen Erfahrungen und Erlebnissen, die durch die besondere Art von Trancezustand an Licht aufgetaucht sind, wieder in den Alltag zu kommen, in dem es ja viel zu oft notwendig ist, die Offenheit wieder etwas zurück zu nehmen, um nicht permanent verletzt zu werden. Was lässt sich herüber retten in den Alltag ? Es ist auf alle Fälle die Erfahrung einer „inneren Weisheit“, auf die ich mich verlassen kann, die sich in schwierigen Situationen hervorrufen lässt – das muss man ab und zu erleben, damit man‘ s nicht vergisst – und das ist eine Stärke, die sich daraus ergibt. Und natürlich Freude darüber, dass sich ein Stück unbewältigte Geschichte weitergeschrieben hat, etwas das schlecht war oder ganz einfach fehlte, sich in einer inneren Reise vervollständigt hat. Klingt vielleicht verwirrend und durcheinander, ist aber eine der faszinierenden Erfahrungen vom Wochenende.

Letztlich geht es ja genau um die Frage, was liegt zwischen diesen beiden Atemzügen ? Womit verbringe ich meine Lebenszeit ? Welche Neugeburten und welche Tode erlebe ich auf meiner Reise durch die Welt ? Mehr Bewusstheit, mehr Hinhören auf das eigene Gefühl. In dieser Hinsicht bringt ein wenig mehr Egoismus ein wunderbares Ergebnis: ich bin auch wieder sensibler für andere Menschen, für Missstände, wie auch für Schönes…

Auch diesmal wieder ein paar Bilder, die unmittelbar nach den Atemsitzungen noch völlig in der Erfahrung des gerade Erlebten entstanden sind, versehen mit einer Überschrift, die ein wenig andeutet, was sich während des Atmens so ereignet hat: „…nähe – Trauer, tief vergraben – nicht loslassen können“ (Var. 1 und 2) und „Stiller, fallender Nebel, heiliges Licht“ (Var.1 und 2)

Die Bilder suche ich nochmal, sind beim Neubau der Seite verschwunden…

Standpunkt, auch wenn´s schmerzt

Gerade aus dem Kino nach Hause gekommen: Dok-Film „Joschka und Herr Fischer“, ein spannender Film, auch wenn man weder Fan von Joschka Fischer, noch Grünen-Wähler ist. Es war ein Rundgang durch deutsche Geschichte voll Authentizität und Selbstkritik, mit Humor und analytischem Blick. Auch wenn ich seinerzeit wie viele andere die Entscheidungen des Außenministers nicht so gesehen habe, so fasziniert mich doch der Mensch und Politiker Fischer, der – wissend, dass er sich seine Partei zum Gegner macht –  trotzdem zu seinen (gewachsenen) Überzeugungen steht und nicht dem Druck der unmittelbaren Interessenlage nachgibt. Solch Rückgrat wünsche ich mir gegenwärtig von Politikern. Für eine Überzeugung einstehen, sie glühend vertreten, die Konsequenzen tragen, die vielleicht auch heißen können, nicht mehr geliebt und bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden. Hier ist Joschka Fischer eben auch in der Tradition seiner Partei angetreten: Streit mit den eigenen Leuten um die richtige Entscheidung wird nicht als schädlich angesehen (die ständige Beschwörung der Geschlossenheit fehlt bei den Grünen), sondern Streit wird – wie im echten Leben auch – als ein produktiver Prozess angesehen, wenn er denn mit einer gewissen Streitkultur und dem Willen nach einem guten Ergebnis geführt wird. Das ist eine Tugend, die ich nicht nur im politischen Prozess zumeist vermisse. Und dass die Umstände es nicht leicht machen, sich zu streiten, authentisch aufzutreten, sich engagiert für seine Erkenntnis einzusetzen, ist keine Entschuldigung dafür, es nicht zu versuchen – in Politik, in Kirche, in Gesellschaft und im privaten Umfeld gleichermaßen.

Wo kommen wir denn da hin ?!

„Da kommt jeder mit einer eigenen Idee“, so laut Sächsischer Zeitung vom vergangenen Samstag Bürgermeister Rößner aus Mittelherwigsdorf. Es ging um Vorschläge für die Verwendung von 30.000 € aus Mitteln des Naturparks Zittauer Gebirge. Nun dachte ich immer, Ideen – zumal viele – sind gut: Man hat eine Auswahl, um die wirklich besten auswählen und bestenfalls umsetzen zu können. Andernorts werden extra Veranstaltungen kreiert, um solch einen Grundstock von Ideen von möglichst vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensumfeldern zu bekommen. Wer darauf verzichtet (im Falle des erwähnten Bürgermeisters aus verletztem Stolz, weil seine eigene Idee nicht umgesetzt werden soll), der outet sich einmal mehr als unfähig, in einer Demokratie Leitungsverantwortung inne zu haben. Schade ist das natürlich, wenn es sich um einen Bürgermeister handelt, der ja eigentlich die Gemeinden voranbringen sollte. Auch das funktioniert besser, wenn man die BürgerInnen einbezieht, transparente Politik macht und nicht alles selber machen will. Es ist wie in einem Unternehmen: Wenn ich von oben alles durchdrücke, alles vorschreibe, eigene Meinungsäußerungen verbiete, dann muss ich mich nicht wundern, wenn Dienst nach Vorschrift gemacht wird und sich die MitarbeiterInnen zurückziehen und schaun, wie sie am besten mit dem Rücken an die Wand kommen. Und diejenigen, die noch Lust auf Mitgestaltung haben, werden auch nicht ewig Geduld haben. Es ist also auch in der Gemeinde Mittelherwigsdorf an der Zeit für eine andere Politik. Die nächste Wahl kommt ja demnächst.

SZ, Samstag, 10.09.2011: MITTELHERWIGSDORF. Verwendung von Mitteln des Naturparks ist offen

Auch mit Beschluss des Nachtragshaushalts für das Jahr 2011 sind sich die Gemeinderäte noch nicht darüber einig, wie die Mittel des Naturparks – rund 30000 Euro – verwendet werden sollten. Nachdem der Mittelherwigsdorfer Bürgermeister Bernd Rößner einen Vorschlag für ein Denkmal zur Einheitsgemeinde zurückgezogen hat, sind die Mittel jetzt im Haushalt eingestellt. Den Vorschlag der Fraktion der Offenen Liste, die Bürger um Ideen zu bitten, wies Rößner zurück. „Da kommt jeder mit einer eigenen Idee“, begründete er das. Der Naturpark Zittauer Gebirge reicht an seine Mitglieder regelmäßig Gelder aus, die dafür verwendet werden sollen, die Region attraktiver zu machen. (tz)

Verweigerung

Immer ein wenig zu spät kommen. Ein klein wenig Rebellion gegen die Verplantheit des Lebens. Als wenn man das so könnte. Alles planen. Aber so läuft´s eben. Die Woche ist voll mit Erwartungen, die man nicht enttäuschen kann. Und es bleibt dann das Sehnen nach ein wenig Unvorhersehbarem, Improvisierten. Selbst das geplante Konzert- oder Kinogehn ist zu viel. Wo bleibt der Platz, um verschwommenen Blicks und Geistes ins Nichts zu starren ? Wo bleibt das verwunderte Stehenbleiben und Lauschen ? Meist geht es eben so weiter. Man fragt nicht und macht einfach. Nur manchmal beschleicht die Frage, ob das immer so weiter geht. Und dann sage ich – wie alle vernünftigen Menschen – bau dir ein paar Inseln. Freu dich, wenn der Augenblick dir grad zulächelt. Plane dir die nächste freie Zeit, damit du dann mal richtig abschalten kannst. Also plane ich. (!)

ABSCHALTEN.

Zu einem Artikel aus der Publik-Forum im März 2011: Aussteigen für immer. Der Artikel ist leider nicht mehr im Netz zu sehen…

Komplexe Themen sind immer schwer zu beurteilen, zumal für den Laien. Es gibt aber auch Dinge im Leben, die stellen sich für den Augenblick so eindeutig und drängend dar, dass es sträflich wäre, weiter zu zögern. Zahlreiche Initiativen bemühen sich seit der Doppelkatastrophe von Japan um Druck für einen sofortigen Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie. Einige dieser Initiativen habe ich nach meinen Möglichkeiten unterstützt und ich möchte hier nochmal einen Link posten zu einer meiner Lieblingszeitungslektüren, der Publik Forum, die eine sachliche, umsichtige aber keineswegs kalte Sicht der Situation versucht hat. Publik Forum verweist dann auf die große Kampagne von Campact, die meines Wissens wohl die umfangreichste geworden ist und mittlerweile in ganz Deutschland große Beachtung gefunden hat.

Noch zwei, drei Gedanken. Das Thema der Sicherheit und des „Restrisikos“ ist noch nie so ausführlich in allen Medien und Stammtischen diskutiert worden – viele Menschen sind des Themas mittlerweile schon überdrüssig ! Neben diesen Überlegungen, bei denen man zu differenzierten Beurteilungen kommen könnte, zählt aber vor allem ein Argument: wir haben nicht einmal ansatzweise ein Endlager für die strahlende Hinterlassenschaft. Selbst wenn unsere Atomreaktoren „bombensicher“ wären, würden wir allen nachfolgenden Generationen ein unkalkulierbares tödliches Risiko hinterlassen. Schon das ist für mich Grund genug, so schnell als möglich – und wenn möglich sofort – aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen.

Ein Totschlagsargument ist in diesen Tagen oftmals die Preiserhöhung der Energie, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Hier wage ich keine Prognose abzugeben. Nur soviel: Ob mit oder ohne Ausstieg haben in der Vergangenheit die Stromkonzerne immer Möglichkeiten der Preiserhöhung ge- oder erfunden. Das wird auch weiterhin so bleiben. Denn warum sollten Konzerne plötzlich aus lauter Menschlichkeit das Geldverdienen vergessen ? Ein möglicher Weg ist für mich daher der Anbieterwechsel zu einem zertifizierten Ökostromproduzenten. Das erhöht den Druck und hilft die regenerativen Energien weiter zu fördern. Hier unterscheiden sich allerdings die Anbieter und es lohnt, sich genau über die Bezugsquellen des Ökostroms und das Engagement des Anbieters bei der Förderung regenerativer Energien zu informieren. An anderer Stelle hatte ich ja schon auf die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) hingewiesen, die meines Erachtens ein vorbildhafter Anbieter sind. Mittlerweile sollte es auch allen klar sein, dass ein Wandel unserer Energiegewinnung nicht zum Nulltarif zu haben ist, auch wenn sich mit der Herstellung regenerativer Energie und die Produktion dafür erforderlicher Technik durchaus auch Geld verdienen lässt. Für mich und viele andere ist es seit Jahren oder gar Jahrzehnten schon klar, dass ein Weiter so nicht geht und eine Anpassung des eigenen Lebenswandels an die weltweit vorhandenen Ressourcen unbedingt geboten ist. Jeder, der es schon mal – freiwillig oder unfreiwillig – versucht hat, mit weniger und bewusster zu leben, wird diese Erfahrung positiv in Erinnerung haben. Und unser „Verzicht“ (wenn man ihn so nennen möchte) geschieht ja auf sehr hohem Niveau. Mit Jugendlichen habe ich neulich mal auf einer der vielen Seiten einen „ökologischen Fußabdruck“ ausgefüllt und das Erstaunen war schon ziemlich groß, wie oft es die Erde geben müsste, wenn alle so leben wollten wie wir in Deutschland. Und wer kann es ihnen mit welchem Recht verbieten ?

Hier nochmal ein paar Links zum Thema.

Der ökologische Fußabdruck: http://www.oekofuss.de und http://www.footprint-deutschland.de oder als CO2-Rechner: http://greenpeace.klimaktiv-co2-rechner.de/de_DE/popup

Und mein persönlicher Favorit, der Stromanbieter EWS: http://www.ews-schoenau.de