Standpunkt, auch wenn´s schmerzt

Gerade aus dem Kino nach Hause gekommen: Dok-Film „Joschka und Herr Fischer“, ein spannender Film, auch wenn man weder Fan von Joschka Fischer, noch Grünen-Wähler ist. Es war ein Rundgang durch deutsche Geschichte voll Authentizität und Selbstkritik, mit Humor und analytischem Blick. Auch wenn ich seinerzeit wie viele andere die Entscheidungen des Außenministers nicht so gesehen habe, so fasziniert mich doch der Mensch und Politiker Fischer, der – wissend, dass er sich seine Partei zum Gegner macht –  trotzdem zu seinen (gewachsenen) Überzeugungen steht und nicht dem Druck der unmittelbaren Interessenlage nachgibt. Solch Rückgrat wünsche ich mir gegenwärtig von Politikern. Für eine Überzeugung einstehen, sie glühend vertreten, die Konsequenzen tragen, die vielleicht auch heißen können, nicht mehr geliebt und bei der nächsten Wahl wiedergewählt zu werden. Hier ist Joschka Fischer eben auch in der Tradition seiner Partei angetreten: Streit mit den eigenen Leuten um die richtige Entscheidung wird nicht als schädlich angesehen (die ständige Beschwörung der Geschlossenheit fehlt bei den Grünen), sondern Streit wird – wie im echten Leben auch – als ein produktiver Prozess angesehen, wenn er denn mit einer gewissen Streitkultur und dem Willen nach einem guten Ergebnis geführt wird. Das ist eine Tugend, die ich nicht nur im politischen Prozess zumeist vermisse. Und dass die Umstände es nicht leicht machen, sich zu streiten, authentisch aufzutreten, sich engagiert für seine Erkenntnis einzusetzen, ist keine Entschuldigung dafür, es nicht zu versuchen – in Politik, in Kirche, in Gesellschaft und im privaten Umfeld gleichermaßen.

Wo kommen wir denn da hin ?!

„Da kommt jeder mit einer eigenen Idee“, so laut Sächsischer Zeitung vom vergangenen Samstag Bürgermeister Rößner aus Mittelherwigsdorf. Es ging um Vorschläge für die Verwendung von 30.000 € aus Mitteln des Naturparks Zittauer Gebirge. Nun dachte ich immer, Ideen – zumal viele – sind gut: Man hat eine Auswahl, um die wirklich besten auswählen und bestenfalls umsetzen zu können. Andernorts werden extra Veranstaltungen kreiert, um solch einen Grundstock von Ideen von möglichst vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensumfeldern zu bekommen. Wer darauf verzichtet (im Falle des erwähnten Bürgermeisters aus verletztem Stolz, weil seine eigene Idee nicht umgesetzt werden soll), der outet sich einmal mehr als unfähig, in einer Demokratie Leitungsverantwortung inne zu haben. Schade ist das natürlich, wenn es sich um einen Bürgermeister handelt, der ja eigentlich die Gemeinden voranbringen sollte. Auch das funktioniert besser, wenn man die BürgerInnen einbezieht, transparente Politik macht und nicht alles selber machen will. Es ist wie in einem Unternehmen: Wenn ich von oben alles durchdrücke, alles vorschreibe, eigene Meinungsäußerungen verbiete, dann muss ich mich nicht wundern, wenn Dienst nach Vorschrift gemacht wird und sich die MitarbeiterInnen zurückziehen und schaun, wie sie am besten mit dem Rücken an die Wand kommen. Und diejenigen, die noch Lust auf Mitgestaltung haben, werden auch nicht ewig Geduld haben. Es ist also auch in der Gemeinde Mittelherwigsdorf an der Zeit für eine andere Politik. Die nächste Wahl kommt ja demnächst.

SZ, Samstag, 10.09.2011: MITTELHERWIGSDORF. Verwendung von Mitteln des Naturparks ist offen

Auch mit Beschluss des Nachtragshaushalts für das Jahr 2011 sind sich die Gemeinderäte noch nicht darüber einig, wie die Mittel des Naturparks – rund 30000 Euro – verwendet werden sollten. Nachdem der Mittelherwigsdorfer Bürgermeister Bernd Rößner einen Vorschlag für ein Denkmal zur Einheitsgemeinde zurückgezogen hat, sind die Mittel jetzt im Haushalt eingestellt. Den Vorschlag der Fraktion der Offenen Liste, die Bürger um Ideen zu bitten, wies Rößner zurück. „Da kommt jeder mit einer eigenen Idee“, begründete er das. Der Naturpark Zittauer Gebirge reicht an seine Mitglieder regelmäßig Gelder aus, die dafür verwendet werden sollen, die Region attraktiver zu machen. (tz)

Sonntag in Dresden. Bilder.

Hier sollten eigentlich Bilder sein, die gingen aber verloren… die Links weiter unten sind aber noch da und sehr spannend zu lesen.

Bilder vom Hauptbahnhof und Ecke Fritz-Löffler-Straße/Reichenbachstraße. Interessant, dass wir ganz locker durch alle Polizeisperren durchgehen konnten. Wir sahen einfach zu harmlos aus. Überhaupt an den Stellen, an denen wir waren, begegneten uns sowohl friedliche Demonstranten als auch ruhige und geduldige Polizisten. Es war zwar jede Menge schweres Geschütz aufgefahren und man versuchte auch ein bisschen Respekt einzuflößen, aber das gehört eben dazu.

Traurig immer wieder, dass es dann doch immer wieder zu Gewalt kommt. Dass es immer wieder Leute gibt, für die das dazugehört. Verglichen an der Zahl der Gegendemonstranten, die insgesamt in Dresden waren, sind es zwar einzelne gewesen, aber das macht es nicht besser… Es wurde ja viel über den Sinn von Blockaden diskutiert. Fand ich insgesamt oftmals spannend. Zum Beispiel auf MDR Figaro. Oder in der Zeit und vielen anderen Stellen.

Für dieses Mal ist es wieder gelungen, den gespenstischen Spuk in Dresden zu verhindern. Wie aber wird es weitergehn ? Wie werden die Rechtsextremisten auf ihre Niederlagen reagieren ? Was ist mit der Faschistisierung der Gesellschaft im Alltag ? Ein Highlight in Dresden, viel emsige Arbeit der Nationalisten an jedem Tag. In Kindergärten, Schulen… Radikalisierung gerade im ländlichen Raum. Viel Angst, wenig Lust der Bürgerschaft, sich mit rechtem Gedankengut auseinander zu setzen.

Also eher eine zweischneidige Erfolgsmeldung aus Dresden. Naziaufzüge will natürlich keiner haben. Aber es waren eben auch die Stimmen zu hören, die eigentlich nur Ruhe und Ordnung wollten – was ja niemandem wirklich zu verübeln ist. Aber zu welchem Preis. Es ist wirklich nicht leicht, ständig aufmerksam zu bleiben, sich einzumischen, mitzudenken. Aber wir haben halt keine andere Wahl.

Erinnerungen an den 13. Februar

Natürlich, ich habe keine Erinnerungen an den Februartag 1945. Meine Erinnerungen stammen aus den achtziger Jahren, als ich zeitweise in Dresden lebte und zu diesem Gedenktag ein ganz besonderes Verhältnis entwickelte. Oft wenn ich durch die Stadt ging, vor allem in den Bezirken am Rande der Altstadt, sah ich noch Grundmauern stehen, genutzt als Grundstücksbegrenzung oder einfach so auf der Wiese. Es ließ mich immer sehr nachdenklich werden. Es war eine unmittelbare Anwesenheit von Geschichte spürbar. Nicht abstrakt, sondern sichtbar und fühlbar, wenn man offenen Auges durch die Stadt ging. Anstelle der alten Bürgerhäuser standen da meist die typischen Neubaublocks ohne jeglichen Sinn für Ästhetik, was in Dresden besonders schmerzhaft sichtbar wurde.

Und die Frauenkirchruine – ich gehörte auch zu denen, die diesen Ort sehr eindrücklich und wichtig fanden, um die Geschehnisse nicht zu vergessen. Wer einmal dabei war, als die zahllosen Kerzen vor der Ruine abgestellt wurden, der ist ergriffen. Schon damals passte diese Ruine nicht in das Bild. Es wurde immer wieder versucht, das Gedenken vor Ort zu verhindern. Jahr für Jahr gab es Verhaftungen im Umfeld, einmal erinnere ich mich, stand ein Bauzaun und sollte das Kerzenaufstellen verhindern. Später dann, als es um den Wiederaufbau ging, konnte ich mich mit dem Verschwinden dieser Ruine nicht anfreunden. Bis heute werde ich nicht warm mit dem neuen alten Bauwerk. Aber dazu wurde ja schon oft genug gestritten.

Das Erinnern ist nicht nur wegen der wiederaufgebauten Frauenkirche anders geworden. Es macht mich fassungslos und wütend, dass rechtsextreme Truppen hier, ausgerechnet hier, das Gedenken an die Zerstörung Dresdens und den Tod der vielen Menschen verhöhnen wollen. Anderseits habe ich  in die Menschen Dresdens das Vertrauen, dass sie sich nicht missbrauchen lassen.  So wie in anderen deutschen Städten sollte es doch gelingen, die Gruselaufmärsche der Rechtsextremen zu verhindern. Unterstützung von außerhalb ist sicher, weil es natürlich nicht nur eine Sache der DresdnerInnen ist…

Das Landesjugendpfarramt Sachsen veröffentlichte diesen Aufruf:

„Als evangelische Jugend finden wir es notwendig zu handeln, wenn Neonazis erneut versuchen einen der größten Aufmärsche Europas in unserer Landeshauptstadt abzuhalten und ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten. Wie im letzten Jahr in Jena, Köln, Berlin und dieses Jahr in Leipzig will sich auch 2011 in Dresden ein breites Bündnis durch Aktionen des zivilen Ungehorsams mit Menschenblockaden den Nazis entgegenstellen.

Als Christen werden wir nicht wegsehen, sondern werden uns in unserer vielfältigen Art und Weise an den Protesten gegen Aktionen von Neonazis rund um den 13. Februar 2011 in Dresden beteiligen. Wir rufen die Evangelische Jugend dazu auf, den Rechtsextremen nicht die Straße zu überlassen, sondern wollen den Neonazis, aber auch Dresden und der Welt zeigen, dass braunes Gedankengut bei uns keinen Raum haben darf und soll.“

Der Landesjugendkonvent ruft alle Einrichtungen und Mitarbeiter der Jugendarbeit in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens dazu auf, sich diesem Aufruf anzuschließen und über geeignete Wege den Jugendlichen unserer Jugendarbeit zur Kenntnis zu geben. Er hofft, auf diesem Wege so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren und am 13. Februar in Dresden zu sehen.

Einen kleinen Text aus dem Jahr 1985 will ich hier noch veröffentlichen, auch wenn ich das heute anders schreiben würde, es berührt mich immer noch:

13. Februar

weisst du noch
als du letztes jahr an diesem tag
– es war wohl schon abends –
das zweite mal bei mir warst ?

ich kann mich noch ganz genau erinnern:
es spielte halblaut procul harum
wir hatten zusammen tee getrunken
und lange geschwiegen
die gedanken gingen
– schon halb verzweifelt –
mal zurück
rekonstruierten die letzte zeit
und sagten sich das berühmte
„jetzt oder nie“
und da hast endlich
du
das schweigen gebrochen
hast gesagt
was wir längst schon wussten…

an all das denke ich heute
heute
wo die sonne scheint
aber mich trotzdem friert
alles weiss ist und kalt
ein hubschrauber zum zeichen des friedens
seine kreise zwischen den kirchtürmen zieht
und die sirene
„mittwoch um eins“ heult…
in einem kleinen schaufenster
ein wenig abseits
stehen zwei altarkerzen –
bis jetzt brennen sie noch ruhig.