Komfortzone

Wiedermal kommt ein Obdachloser vorbei. Natürlich erwartet er, dass er am Pfarrhaus nicht abgewiesen wird. Kommt mit einem riesigen Rollkoffer, mehreren Plastiktüten. Jogginganzug, Jacke, Pudelmütze, Turnschuhe. Reste von Schnee liegen noch auf den Wegen. Regen rieselt unaufhörlich. Der Mann ist jenseits der Sechzig. Jetzt völlig kaputt und durchnässt. Er friert. Man kann ihn einfach nicht wegschicken.

Wenig später ist die erste Waschmaschine angesetzt. Das Gästezimmer ist ziemlich schnell in Beschlag genommen. Mit dem Essen wird es schon schwieriger. Er ist Veganer. Am Ende isst er Bohnen aus der Dose, undefinierbare Kartoffelstückchen aus fettiger Folie, rohe Zwiebel. Der Geruch steht in der Küche. Seine Erzählungen klingen zuerst ein bisschen verworren, später wachsen sie sich zu Verschwörungstheorien aus. Er wird verfolgt, man will ihn vergiften – schon von Kindheit an hat man es auf ihn abgesehen. Er saugt Aufmerksamkeit. Es strengt an.

Am zweiten Tag geht er mit mir zusammen zum Supermarkt. Er will für sich einkaufen. Mit meinem Geld. Dosen mit Bohnen und Linsen, Brokkoliröschen, Zwiebeln. Ich gebe ihm eine Schachtel Zigaretten, die schon lange auf der Gardarobe liegt. Bei jedem Gang aufs Klo nehme ich Lappen und Putzmittel, beseitige Spuren. Nach jedem Essen nehme ich den Tischlappen, beseitige Spuren. Seine Beutel ergießen sich mittlerweile aus dem Gästezimmer heraus. Selbstverständlichkeiten.

Mein Rücken schmerzt. Er weiß genau, was mir helfen wird. Zeigt mir die passenden Joga-Übungen. Es sei psychosomatisch. Ich verliere langsam die Nerven. So wird das nicht besser. Ich überlege, warum ich den Mann schnellstens loswerden muss. Ist es nicht unbarmherzig, ihn jetzt wieder rauszuschicken ? Das Wetter hat sich nicht wesentlich geändert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.